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Vermutlich nie eine Einsiedelei

Besondere Bauten in der Region: Schloss Einsiedel

20.05.2020

Das Jagdschloss aus dem Jahr 1482 beherbergt heute vor allem Jugendgruppen und Schulklassen.

Graf Eberhards Weißdorn, angeblich von seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem im Jahr 1468 mitgebracht, steht noch immer im Garten des Hofguts, das heute von den katholischen Dekanaten Rottenburg und Reutlingen als Jugendhaus genutzt wird.

Von dem dreistöckigen Jagdschlösschen, das Eberhard im Barte 1482 auf der Hochfläche des damals noch ziemlich geschlossenen Waldgebiet des Schönbuchs errichten ließ, steht nur noch ein Turm und der Schlossgraben, die 1929 unter Denkmalschutz gestellt wurden. Von dem 1492 gegründeten Stift Sankt Peter ist ebenso wenig übrig geblieben wie von dem 1460 eingerichteten Gestüt. Und an das von Herzog Karl Eugen in spätbarocker Pracht erbaute Lustschlösschen erinnert nur noch das fächerförmige Wegenetz mit den beeindruckenden Alleen.

Der Einsiedel hat eine relativ bewegte Geschichte hinter sich, nur eine Einsiedelei war er vermutlich nie. Im Gegenteil. Steinzeitliche Siedlungsspuren aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., Reste von keltischen Grabhügeln und Viereckschanzen sowie römische Bildsteine und Münzen belegen, dass der Einsiedel schon in vorchristlicher Zeit ein beliebter und belebter Siedlungsplatz war.

Berühmt gemacht hat den Einsiedel jedoch Graf Eberhard im Barte von Württemberg. Bereits 1460, da war Eberhard gerade einmal 14 Jahre alt, gründete er auf dem Einsiedel ein Gestüt, das so erfolgreich wurde, dass 1492 Teile davon nach Marbach verlegt wurden und dort den Grundstock des heutigen Haupt- und Landesgestüt bildeten.

1482 entstand das Jagdschloss, aus dem nach einer Renovierung im Jahr 1977 das zweistöckige Gebäude mit der Holzgalerie wurde, in dem heute vor allem Jugendgruppen und Schulklassen unterkommen.

1492 gründete Eberhard auf dem Einsiedel das Stift St. Peter und stattete es mit umfangreichem Waldbesitz und der „Stuterei“ aus. Hier lebten die „Brüder vom gemeinsamen Leben“, eine Ordensgemeinschaft, die Eberhard bereits 1477 nach Tübingen geholt hatte. Zu ihnen gehörte unter anderen Gabriel Biel, ein Mentor Eberhards, der sich mit seiner Frage nach dem „gerechten Preis“ für eine Ware schon Mitte des 15. Jahrhunderts mit etwas auseinandersetzte, was wir heute Gemeinwohlökonomie nennen.

Das Stift St. Peter, in dem die wegen ihrer Kopfbedeckung „Kappenherren“ genannten Brüder unterkommen sollten, zeichnete sich dadurch aus, dass es keine Standesunterschiede kannte, und Adlige, Kleriker und Bürger gleichermaßen offen stand – eine absolute Ausnahme in der hierarchisch gegliederten Gesellschaft Ende des Mittelalters. Vor Gott bestände kein Unterschied zwischen den Ständen, befand Graf Eberhard.

Vor seinem Tod zählte Eberhard die Gründung des Stifts neben der Universitätsgründung und der Wiedervereinigung des geteilten Württemberg im Münsinger Vertrag von 1482 zu seinen wichtigsten Unternehmungen. Eberhard selbst fühlte sich den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ so verbunden, dass er sich im Stift St. Peter auf dem Einsiedel bestatten ließ.

1550 brannte das Stift ab, 1619 wurde das Schloss ein Raub der Flammen. Das von Herzog Carl Eugen erbaute Lustschloss wurde bereits Ende der 80er-Jahre des 18. Jahrhunderts wieder aufgegeben und 1804 ließ der Herzog es abbrechen und nach Eglosheim transportieren, um aus den Resten das Seehaus errichten zu lassen.

Bis 1795 wurde der Einsiedel mitsamt des bis 1810 bestehenden Gestüts vom Staat in Eigenregie bewirtschaftet. Ab diesem Zeitpunkt verpachtete man es, heute gehört es der Hofkammer Württemberg. Viele Jahre betrieb die Südzucker AG dort den Anbau von Zuckerrüben. Als der Pachtvertrag 2011 endete, kam der Autohersteller Daimler auf die Idee, die sternförmigen Alleen zu einer Teststrecke auszubauen. Das sorgte beim Forst für Schnappatmung, schließlich liegt der Einsiedel mitten im Naturpark Schönbuch. Und der Gemeinderat und die Bürger/innen von Kirchentellinsfurt, zu deren Gemeinde der Einsiedel gehört, waren ob dieser Pläne nicht amüsiert. Daimler gab letztendlich diese Idee auf und seitdem bewirtschaftet die Württembergische Hofkammer die Flächen selbst.

Der Weißdorn hat all das überlebt. Andrea Bachmann

Schlossmauer und Schlossgraben vom Einsiedel: Der Graben steht seit 1929 unter Denkmalschutz. Bilder: Erich Sommer

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Erstellt:
20. Mai 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Mai 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2020, 01:00 Uhr

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