Zwischen Tradition und Moderne

Der westafrikanische Kora-Spieler Kandara Diebaté lebt seit 19 Jahren in Tübingen

Kandara Diebaté entstammt einer Griot-Familie aus Senegal und spielte bereits im Kindesalter die Instrumente Kora und Djembe. Kein Wunder, sein Vater war der berühmte Korameister Boubacar Diabaté. Der Sohn lebt seit 2001 in Tübingen und ist ebenfalls Musiker.

15.07.2020

Kandara Diebaté hat Anfang des Jahres sein neuestes Album veröffentlicht. Bild: Jürgen Spieß

„Eine Balance zwischen den unterschiedlichen Kulturen schaffen“ und sich nicht in irgendwelche Schubladen pressen lassen. Kandara Diebaté, 1973 in dem westafrikanischen Land Senegal geboren und seit 19 Jahren in Tübingen lebend, schreibt die Tradition seiner Väter fort. Ein Traditionalist ist er trotzdem nicht.

Er stammt aus einem Clan der Griots, der fahrenden Geschichtenerzähler Westafrikas und spielt neben der afrikanischen Bechertrommel Djembe die 21-saitige Harfenlaute Kora. Seine Musik bewegt sich im Koordinatensystem von traditioneller, westafrikanischer Musik, deren Rhythmik, Melodien und Spielweisen von den Vorfahren überliefert wurden. So wie das wirkliche Leben aus vielen Facetten und Phasen besteht, so setzt sich auch die Musik von Kandara Diebaté zusammen. Vielschichtig, wechselhaft, lebendig.

Dabei war sein erster musikalischer Wegweiser nicht sein berühmter Vater Boubacar Diabaté, sondern sein Onkel. Der wurde zum musikalischen Ziehvater und Lehrer und förderte die Musikbegeisterung des Jungen, indem er ihn lehrte, die Instrumente Kora und Djembe zu spielen. Sein Vater dagegen war die meiste Zeit unterwegs auf Tournee.

Aufgewachsen in der Stadt Bignona im Süden Senegals wurde Diebaté früh schon mit den unterschiedlichen Kulturen der angrenzenden Länder vertraut, kannte bald die traditionellen Lieder und Rhythmen, die gespielt, gesungen, getanzt und mit diversen Instrumenten begleitet werden und spielte mit Awa Senn Sarr und der Gruppe Pettaw am Nationaltheater Dakar. So richtig ins Rollen kamen seine musikalischen Ambitionen aber erst, als er 1997 mit seiner Band Kansala in Senegal den ersten Preis beim landesweiten Wettbewerb der Musik- und Theatergruppen gewann.

Der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben markierte dann Ende der 1990er-Jahre das Zusammentreffen mit der Tübinger Perkussionistin Ursula Branscheid. Kandara Diebaté lehrte sie die Stegharfe Kora zu spielen und ging wenig später mit ihr nach Tübingen. Der Neuanfang in Deutschland gestaltete sich zunächst schwierig. An die fremde Sprache, die ungewohnten Arbeitsbedingungen, das im Vergleich zu Afrika kalte Klima und die kulturellen Unterschiede musste sich der Musiker erst gewöhnen. Er spielte zunächst gemeinsam mit Branscheid in den Bands Bantamba und Kandara Diebaté & Friends und hielt sich mit Kora-Unterricht über Wasser. 2007 dann die Gründung der Tübinger Weltmusikband Kaira Tiló, mit der er mehrere Alben aufnahm und durch Deutschland, Italien und der Schweiz tourte. Seit 2010 ist Kandara Diebaté auch Mitglied im Stuttgarter Orchester der Kulturen und 2013 rief er sein eigenes Projekt Nomad ins Leben, mit dem er Anfang diesen Jahres sein neuestes Album „Horoya“ veröffentlichte.

Mit dieser Band präsentiert Diebaté in einem Crossover afrikanischer und afrokaribischer Rhythmen traditionelle Lieder der Griots ebenso wie eigene moderne Songs. Seine Texte handeln vom Leben in der Heimat, erzählen Geschichten über die Tradition der Griots und über seine Landsleute, von ihren Hoffnungen, Sorgen und ihrer Begeisterung für Musik. Und genau wie in seinen Texten lässt Diebaté auch in seinen Kompositionen ganz verschiedene Rhythmen und Traditionen aus Westafrika einfließen, ohne dabei den Blick über den Tellerrand zu verlieren.

Die Musik, die er heute macht, ist das Ergebnis der Verschmelzung verschiedenster Einflüsse. Er besingt ebenso die Überzeugung, seine afrikanischen Wurzeln nicht zu verleugnen wie er Begegnungen in Afrika und Deutschland thematisiert. Diebaté hat er sich inzwischen in Deutschland gut eingelebt, gibt Kora-Unterricht und lebt mit seiner senegalesischen Frau und der gemeinsamen Tochter in der Unistadt.

In unregelmäßigen Abständen stattet er seiner Heimat einen Besuch ab, um seine Mutter und die Geschwister zu besuchen. Den eigenen Weg ausloten, sich nicht unterkriegen lassen und voller Lebenslust an seiner musikalischen Weiterentwicklung arbeiten: Dafür steht Kandara Diebaté und das drückt sich auch durch seine Musik aus. Jürgen Spieß

Zum Artikel

Erstellt:
15. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2020, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.