Eine Windmühle bauen

Die Lifte der Wintersportarena Holzelfingen sind ständig ausgebucht

Nicht nur für einen Impftermin, auch für einen Skitermin kann es heißen, nachts wach zu bleiben und um Mitternacht ins Internet zu gehen. Nachdem das Angebot der Wintersportarena in Holzelfingen, familienweise eine Liftstunde zu mieten, publik geworden war, konnte der Ansturm nur mit Hilfe einer Online-Buchung bewältigt werden.

10.02.2021

In Holzelfingen wird das sogenannte Snowfarming eingesetzt. Zwei Pistenbullis schieben den unberührten Schnee in der Nähe zu einem Berg zusammen, Traktoren laden ihn auf und bringen ihn zu den Pisten. Hunderte Tonnen Schnee werden so bewegt. Doch die Mühe lohnt sich, denn dadurch können auch kurze Warm- und Regenzeiten überbrückt werden. Bild: Jochen Gekeler

Keinen einzigen Skitag hatte es im Winter 2019/20 auf der Alb gegeben. Umso ausgehungerter waren die Wintersportler, als jetzt endlich Schnee fiel, der auch liegen blieb. 43 Skitage waren es bis jetzt, bereits zwei mehr als im ganzen Winter 2018/19. Jochen Gekeler ist jemand, der genau darüber Buch führt, denn er ist einer der Gesellschafter der Wintersportarena, seit 2007 das größte Skigebiet auf der Alb.

Zur Arena gehören die vier Lifte Heutal und Salach, ein kleinerer Kinderlift, 16 Kilometer Loipe, klassisch und Skating, und ein fünf Kilometer langer Wanderweg um die ganze Arena, der für Winterspaziergänge geräumt wird. Kein Wunder, dass an einem normalen Wochenendtag bis zu 2000 Gäste gezählt wurden, wenn die Wetterverhältnisse stimmten. 2020 kam endlich der Schnee, aber auch Corona.

„Schon im November haben wir uns viele Gedanken gemacht, wie wir den Wintersport trotzdem ermöglichen können“, berichtet Gekeler. „Die Coronaverordnung Baden-Württemberg konnte ich fast auswendig.“ Schon vorher habe es an den Liften ein kontaktloses Kartensystem gegeben, das jetzt noch durch Kassen mit Gegensprechanlage sowie einer zusätzlichen Kasse, um Warteschlangen zu vermeiden, aufgerüstet wurde. „Wir waren gerade mit allen Behörden in Kontakt, als der harte Lockdown kam.“ Der normale Liftbetrieb war damit unmöglich geworden.

Doch die Betreiber der Arena gaben nicht auf, studierten die neue Verordnung von Anfang Dezember und entdeckten, dass Individualsport für einzelne Familien im freien Gelände noch erlaubt war. „Da kam die Idee auf, den Lift stundenweise an Familie zu vermieten“, so Gekeler. „Wenn ein Sturm aufkommt, kann man sich entweder verbarrikadieren oder eine Windmühle bauen. Wir haben uns für die Windmühle entschieden.“

Zuvor hieß es jedoch investieren. „Mehrere tausend Euro wurden eingesetzt, um das komplette Gelände einzuzäunen und mit Hinweisschildern zu versehen.“ Dann wurde gerechnet und befunden, dass der normale Kartenpreis für eine Stunde von rund 35 Euro für zwei Erwachsene und zwei Kinder nicht machbar war. „Wir hätten gnadenlos draufgezahlt. Für eine schwarze Null mussten wir 150 Euro ansetzen.“

Das neue Angebot wurde über Homepage und Newsletter verbreitet und sofort zum Renner. Die Telefone hätten die ersten Tage vor Weihnachten durchgeklingelt. „Mitarbeiterinnen haben die Buchungen 14 Stunden täglich entgegengenommen und trotzdem nur 30 Prozent aller Anrufe erfasst.“ Die Warmwetterphase, die eine Woche später einsetzte, verschaffte eine Verschnauf- und Denkpause.

Ein Online-Buchungssystem wurde eingerichtet und nachts um 0 Uhr freigeschaltet. Trotz dieser Uhrzeit waren regelmäßig alle Termine in nur drei Minuten vergeben. Manche Gäste saßen fünf bis sechs Abende am PC für eine Stunde Abfahrtski. Ehepaare setzten sich an zwei Computer, um nach Möglichkeit zwei zusammenhängende Stunden zu ergattern. „Wir waren im Dezember der einzige laufende List in ganz Deutschland“, so Gekeler. Sogar Gäste aus München und dem Allgäu kamen. Auch aus Bayern mit der Erklärung: „Wir haben einen Lift direkt vor der Haustür, aber er ist abgeschaltet.“ Bis 22 Uhr konnten die Sportler auf die mit Flutlicht erleuchtete Piste. Doch dann kam die Ausgangssperre ab 20 Uhr. Wieder musste die Arena reagieren. „Von da an haben wir schon um 7 Uhr geöffnet.“ Skifahrer aus Frankfurt seien um vier Uhr aufgestanden, um rechtzeitig anzukommen. Nach dem Schneevergnügen wartete der Apres-Ski mit Roten und Pommes to go.

Hat sich da nicht manche Familie urplötzlich vergrößert? „Wir haben niemanden eingelassen, der nicht ein Formular ausgefüllt hat und sich ausweisen konnte“, so Gekeler. Und die Stunde Liftzeit sei auch genau eingehalten worden, denn das Drehkreuz am Eingang kommuniziert mit der Eintrittskarte und blockiert nach 60 Minuten.

Aktuell ist der Schnee geschmolzen. Doch sollte neue weiße Pracht herunterkommen, ist die Wintersportarena Holzelfingen gewappnet.Gabriele Böhm

Jochen Gekeler bekommt Anfragen aus ganz Deutschland, wie man in Pandemiezeiten einen Skilift betreibt. Bild: Gabriele Böhm

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Erstellt:
10. Februar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Februar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2021, 01:00 Uhr

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