Tübingen als Vorbild für Integration

Für Karl-Heinz Meier-Braun ist Migration eine soziale und kulturelle Bereicherung

Für Karl-Heinz Meier-Braun ist die Sprache der Schlüssel zu einer gelungenen Integration von Zuwanderern in die deutsche Gesellschaft. Wir sprachen mit dem 70-jährigen Migrationsexperten und Honorarprofessor an der Universität Tübingen über Chancen und Risiken kultureller Vielfalt in einem Einwanderungsland.

09.06.2021

Karl-Heinz Meier-Braun (www. meier-braun.de) ist baden-württembergischer Landesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V. (DGVN) und Mitglied im Bundesvorstand dieser Organisation. Gerade ist bei der baden-württembergischen Landeszentrale für politische Bildung sein Dossier „Auf der Flucht vor dem Klima. Migration in Zeiten des Klimawandels und im Schatten von Corona“ erschienen.Privatbild

TAGBLATT ANZEIGER: Tübingen ist bekannt für seine Diversität. Ist die Unistadt mit ihren Studierenden aus aller Welt ein gutes Vorbild für konstruktives Zusammenleben?

Karl-Heinz Meier-Braun: Ich bin in Mössingen aufgewachsen und habe in Tübingen Abitur gemacht und studiert. Die Stadt hatte schon immer eine weltoffene, fast südländische Atmosphäre. Mich fasziniert, dass hier Menschen aus vielen Nationen selbstverständlich in der Stadt zusammenleben. Für mich ist Tübingen wirklich ein Vorbild.

Warum ist Integration wichtig?

Ein friedvolles Zusammenleben verschiedener Kulturen lässt sich nur durch Integration verwirklichen. Davon profitieren beide Seiten: Zugewanderte und „Einheimische“. Auch wenn Zuwanderung Probleme mit sich bringt, bedeutet sie in aller Regel eine ökonomische, politische, soziale und kulturelle Bereicherung. Aus der Aus- und Einwanderungsgeschichte Südwestdeutschlands lässt sich ablesen, dass Integration ihre Zeit braucht und nicht erzwungen werden kann.

Wie können sich Migranten richtig in die deutsche Gesellschaft integrieren?

Integration ist keine Einbahnstraße. Migranten müssen sich an die Lebensverhältnisse in Deutschland anpassen. Das hat auch die Mehrzahl von ihnen getan. Die Integration ist insgesamt viel besser als ihr Ruf. Es wird viel über Integration gesprochen, ohne genau zu sagen, was damit eigentlich gemeint ist. Genau genommen müsste man festlegen, was eigentlich ein gut integrierter Deutscher, ein integrierter Mensch überhaupt ist, um von Migranten zu fordern, dass sie sich richtig integrieren sollen. Das ist aber in einer vielfältigen demokratischen Gesellschaft gar nicht möglich.

Welche Rolle spielt die Sprache für eine gelungene Integration von Migranten?

Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Das wird zwar immer wieder gesagt. Trotzdem ist das Thema lange Zeit vernachlässigt worden. Deutschland hat ein halbes Jahrhundert in der Illusion gelebt, kein Einwanderungsland zu sein und hat es versäumt, die sprachliche Integration gezielt zu fördern. Dieser Fehler rächt sich bis zum heutigen Tag.

Wie gehen die Deutschen mit kultureller Vielfalt um?

Die Mehrzahl der Deutschen geht ganz gut mit der kulturellen Vielfalt um. Nach dem Integrationsbericht des Landes Baden-Württemberg vom vergangenen Jahr ist der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund Normalität. Viele Befragte gaben an, Kontakt zu Zugewanderten zu haben, 70 Prozent zählten Menschen mit Migrationshintergrund auch zu ihren Freunden. Die Bewertung der Erfahrungen mit Zugewanderten fällt bei drei Viertel der Bevölkerung positiv aus. Das darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Probleme ungelöst sind. Es besteht Integrationsbedarf auf vielen Ebenen. Die Mehrheit der Menschen in Baden-Württemberg wünscht sich eine offene, vielfältige und friedliche Gesellschaft. Allerdings machen sich große Teile der Bevölkerung – über vier von fünf Befragten – Sorgen in Bezug auf Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass, Rechtsextremismus und rassistische Gewalt. Die Pandemie trifft viele Einwanderer besonders hart. Wie die Integrationsminister und -ministerinnen aus Bund und Ländern auf ihrer Konferenz feststellten, wird der gesellschaftliche Zusammenhalt durch die Corona-Krise nicht nur in Deutschland auf die Probe gestellt.

Warum unterstützen Sie den Verein Menschenrechtswoche Tübingen (MRW)?

Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) und die MRW verfolgen die gleichen Ziele: Nur durch enge internationale Zusammenarbeit können wir den Frieden sichern, die Menschenrechte stärken und eine nachhaltige Entwicklung fördern. Wir brauchen und unterstützen sehr gerne junge Leute, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen, welche weltweit bedroht sind.

Fragen von Vivian Viacava Galaz

Im Rahmen der Menschenrechtswoche in Tübingen, die noch bis zum 18. Juni läuft, lädt die Entwicklungsorganisation One zusammen mit der Hochschulgruppe Feminismen* am Samstag, 12. Juni, zu einem virtuellen Pub-Quiz zu extremer Armut und Geschlechtergerechtigkeit ein.

Weitere Infos und das komplette Programm gibt es unter www.mrw-tuebingen.de.

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Erstellt:
9. Juni 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Juni 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Juni 2021, 01:00 Uhr

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