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Gabi Huber hat die 1968-Jahre in Tübingen erlebt
Gabi Huber hat zusammen mit Michael Raffel das Begleitprogramm zur Ausstellung „Tübinger Revolten“ erstellt. Archivbild: Faden
Unglaubliche Zäsur

Gabi Huber hat die 1968-Jahre in Tübingen erlebt

07.03.2018

Tübingen. Gabi Huber kam 1971 nach dem Abitur aus dem beschaulichen Riedlingen zum Studium nach Tübingen, arbeitete viele Jahre als Kreisjugendpflegerin und Kommunale Suchtbeauftragte im Landratsamt Tübingen und ist eine begeisterte Historikerin der jüngeren Geschichte Tübingens. Sie hat zwei Bücher mit Interviews von Zeitzeugen herausgegeben: In „Kriegerles und Geigenspiel“ erzählen Tübingerinnen und Tübinger von ihrer Kindheit und Jugend in der Tübinger Nachkriegszeit, in „Straßenkampf und Kinderladen“ geht es um das revolutionäre Tübingen 1968. Gemeinsam mit Michael Raffel hat sie jetzt das Veranstaltungsprogramm zu der Ausstellung „Tübinger Revolten – 1848-1968“ kuratiert, die bis zum 3. Juni 2018 im Tübinger Stadtmuseum zu sehen ist.

TAGBLATT ANZEIGER: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum?

Gabi Huber: Die Leiterin des Stadtmuseums, Wiebke Ratzeburg, wusste von meinem Buch und hat mich gefragt, ob ich mit Michael Raffel, der unter anderem das Bücherfest organisiert, gemeinsam ein Veranstaltungsprogramm erstellen wollte. Michael und ich haben uns getroffen, festgestellt, dass wir sehr gut zusammen arbeiten können und dann losgelegt. Das war dann richtig toll: Wir hatten einfach viele Ideen, die Menschen, die wir angesprochen haben, waren von unseren Projekten angetan, die Zusammenarbeit mit den ganzen Kulturschaffenden hat großen Spaß gemacht – wir sind jetzt schon ein wenig stolz auf das, was wir – übrigens ehrenamtlich – gemacht haben, dankbar, dass wir so viele gute Kooperationspartner hatten und hoffen auf ein interessiertes Publikum.

Das Programm ist sehr üppig.

Ja, wir haben 23 Veranstaltungen und eine Ringvorlesung im Studium Generale. Dazu gehören Vorlesungen, Stadtführungen, Liederabende, Buchpräsentationen – es ist wirklich ganz viel dabei. Ich freue mich zum Beispiel auf einen Abend mit Ulrich Hirsch, genannt „Käfer“. Er singt Lieder aus dem Vormärz und der 1848er-Revolution so, dass sie ganz aktuell klingen. Ich bin während eines Gewittersturms über die Alb gefahren, um seine Lieder in Heiligkreuztal zu hören – es hat sich wirklich gelohnt!

Es gibt auch eine Disco und eine Filmnacht.

Genau. Wir wollten ganz bewusst das Lebensgefühl der 1968er-Jahre wieder aufleben lassen. Für Ältere, die noch „dabei“ waren, ist das dann eine Nostalgiereise und Jüngeren möchten wir einfach zeigen, wie diese aufregenden Jahre „getickt“ haben – Musik und Mattenlager zur Filmnacht im DAI inklusive. Wenn ich da nur in eine Vorlesung gehe, bekomme ich nicht unbedingt ein Gespür für diese besondere Zeit.

Was ist an den 68-Jahren eigentlich so besonders?

1968 war wirklich eine unglaubliche Zäsur und das eigentliche Ende der Nachkriegszeit. Nach einem langen Reformstau wurde wirklich fast alles in Frage und auf den Kopf gestellt. Und es wurde vieles durchgesetzt, es gab viele neue Freiheiten. Dass Kinder aus Arbeiterfamilien an die Universität kamen, dass man überhaupt anfing, über den Nationalsozialismus zu sprechen, dass Kritik geübt werden durfte und dass Frauen sich immer mehr Räume erobern konnten zum Beispiel. Die heute 30- bis 40-Jährigen sind mit den Errungenschaften der 68er selbstverständlich aufgewachsen. Die damals erworbenen Freiheiten sind ein kostbares Gut, auf das wir gut aufpassen sollten. Vor 50 Jahren konnte eine Frau noch nicht einmal alleine essen gehen!

Frauen sind ein wichtiges Thema in der Geschichte.

Ja, und vor allem die Frauen in der 1848er-Revolution! Da gab es noch nicht einmal ein Wahlrecht für Frauen. Die Frauen, die im 19. Jahrhundert auf die Barrikaden gegangen sind, waren hundertmal mutiger als die Frauen 1968 – und die waren schon nicht schlecht. Wir arbeiten mit dem Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs zusammen, da gibt es zwei Stadtführungen und Lesungen zu „revolutionären“ Frauen von Marie Kurz bis Ulrike Meinhof.

Wie war diese Zeit für dich?

Ich bin ja ein bisschen eine „Spätgeborene“, ich habe 1971 Abitur gemacht. Außerdem komme ich aus einem eher liberalen Elternhaus. Für meinen Vater war klar: Ich kann studieren, was ich möchte und er kommt dafür auf. Das war damals nicht selbstverständlich. 1972 habe ich in Tübingen eine Frauengruppe gegründet, da habe ich gemerkt, wie viele Privilegien ich persönlich anderen Mädchen gegenüber hatte, die zum Beispiel gezwungen wurden, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen, weil sie „ja doch heirateten“. Aber es war trotzdem eine unglaublich spannende Zeit: Auf der einen Seite die schwäbische Kleinstadt mit all ihren Konventionen und andererseits unsere Protesthaltung dagegen, die kurzen Röcke und die wilde Musik.

Interview: Andrea Bachmann

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07.03.2018, 01:00 Uhr
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