Erzgruben und Theatergeist

Hinaus ins Grüne: Rundwanderung von Melchingen zum Köbele

23.12.2020

So schön schnee-verwunschen kann die Rundwanderung von Melchingen zum Köbele sein.

Diese zu allen Jahreszeiten schöne Rundwanderung führt uns von Melchingen über Salmendingen hoch auf das Köbele, eine stille, abgeschiedene Landschaft jenseits der bekannten Wanderhochburgen. Die nahe an der Kreisgrenze gelegene Bergkuppe kratzt erfolgreich an der 900 Meter Höhenmarke und verwandelt sich bei Schnee regelmäßig in ein Winterwunderland.

Wir starten unsere Wandertour am Melchinger Rathaus unweit des Lindentheaters. Wir gehen entlang der Hauptstraße Unter den Linden auf dem Parallelweg kurz Richtung Süden und biegen dann die Mittelhofenstraße rechts ab. Es geht nun für einige Zeit geradeaus weiter, erst durch den Bühlweg und dann über die junge Lauchert auf die Felder. An einer Kreuzung mit einem breiteren Feldweg folgen wir dem Wanderzeichen mit dem gelben Dreieck nach rechts Richtung Salmendingen. Im Ort angekommen gehen wir auf dem Fußpfad direkt nach dem Haus Nr. 98/1 hoch zum Toräckerweg und folgen diesem Richtung Ortszentrum. In der Wiesentalstraße angekommen halten wir uns rechts und folgen der Hauptstraße „Kornbühlstraße“ nach links bis zur einmündenden Herrengasse. Diese Seitenstraße führt uns hoch in die Köbelestraße, die wir weiter bergauf bis zur Salmendinger Kirche St. Michael und dem stattlichen Pfarrhaus wandern. Das 1746 begonnene Gotteshaus ist ein barockes Juwel mit wunderschönen Deckengemälden von Franz Ferdinand Dent, die Themen der Weihnachtsgeschichte darstellen.

Oberhalb der Kirche kommen wir in die Schweizergasse und biegen noch etwas weiter oben in die Straße „Auf Kai“ links ein. Vor einem Brunnen folgen wir dem ausgeschilderten Fußpfad durch den Wald hoch zur Burgruine, dem „Alten Schloss“. Von der wohl im 13. Jahrhundert von den „Herren von Salmendingen“ als Stammburg erbauten Burg am Köbele sind nur noch wenige Mauern erhalten. Neben der Infotafel zur Burg führt ein steiler Fußpfad hoch auf die Ruine, von der man eine schöne Aussicht auf Salmendingen, die Alb und das Albvorland um Tübingen
genießt.

Wir folgen nun dem ausgeschilderten Rundwanderweg „Erzgruben-Köbele“, auch als „Oberer Wasserheckweg“ bezeichnet, nach links. Nach einigen Schritten erreichen wir an der höchsten Stelle ein Wegekreuz. Hier halten wir uns schräg links und wandern am Waldrand entlang über die schmale Hochfläche des 862 Meter hohen Aufbergs. An einigen Stellen sieht man in der Ferne das tieferliegende Albdorf Ringingen. Erst wandern wir weiter am Waldrand und kommen dann geradeaus in den Wald. An der nächsten Kreuzung biegen wir nach rechts in den Büchsentalweg und erreichen eine alte Bohnerzgrube mit einer Infotafel.

Wir spazieren auf dem Erzgrubenweg kurz weiter und folgen den für den Radsport angebrachten gelben Tafeln (mit einem X) nach links. Der Büchsentalweg schlängelt sich nun langsam den Berg hinunter. An einer T-Kreuzung mit einem Wegekreuz folgen wir weiter dem Radzeichen nach links und wandern über das Käpfle hinunter Richtung Melchingen. Es geht relativ geradeaus und wir erreichen in Melchingen die St.-Bernhardstraße. Sie führt uns direkt zurück zur Straße Unter den Linden und somit zum Ausgangspunkt.

Wer sich Melchingen noch etwas genauer anschauen möchte, spaziert am besten den Von-Gockel-Weg rechts hoch. Dabei kommen wir am Dohlengässle vorbei, dessen Name seit über 20 Jahren durch „Die Drei vom Dohlengässle“ im ganzen Ländle bekannt ist. Unter diesem Namen begeistern Dietlinde Ellsässer, Ida Ott und Gina Maas auf süddeutschen Bühnen und besonders im Melchinger Theater im Lindenhof mit ihrer schwäbischen Mundart das Publikum.

Wir gehen weiter hoch und sehen wir die Melchinger St. Stephanskirche, eine eindrucksvolle Barockkirche aus dem Jahr 1769. Im älteren Kirchturm erklingt noch regelmäßig eine Glocke von 1273 – sie zählt zu den ältesten in Deutschland. Melchingen wurde erstmals im Jahr 772 anlässlich einer Schenkung an das Kloster Lorsch erwähnt. 1588 und 1598 wurden hier gegen zehn Einwohner und Einwohnerinnen Hexenprozesse geführt, die alle mit Hinrichtungen endeten. Der Ort ist heute überregional durch sein „Theater im Lindenhof“ bekannt. Das 1981 in der ehemaligen Linde gegründete Theater führt jährlich rund 350 Veranstaltungen mit über 45 000 Zuschauern durch – viele davon in Melchingen, aber auch in anderen Städten und Gemeinden Baden-Württembergs und Deutschlands. Das derzeit durch die Coronakrise arg gebeutelte Theater Lindenhof versteht sich als poetisch-kritisches Volkstheater mit Kernbezug zur Schwäbischen Alb.

An der Gaststätte Ochsen halten wir uns links und spazieren durch die Mertinger Straße zurück zum Ausgangspunkt am Melchinger Rathaus. Der Straßenname erinnert noch an das heute nicht mehr existierende Nachbardorf Mertingen. Gegenüber vom Rathaus sehen wir das Melchinger Heimatmuseum, ein hübsch renovierter alter Fachwerkbau mit einem Webraum für die Flachsverarbeitung, wie sie früher auf der Alb häufig betrieben wurde. In diesen „Webstuben“ konnte ein zum Leben oft notwendiger Zusatzverdienst erarbeitet werden und im Winter waren sie zugleich die „Lichtstuben“, der Treffpunkt der Dorfjugend.

Wichtiger Wirtschaftszweig: Bohnerzabbau auf der Schwäbischen Alb

Bohnerze sind rundliche, erbsen- bis maximal faustgroße Erzklumpen mit 28 bis 44 Prozent Eisengehalt. Sie entstanden während der Jurazeit unter tropischen bis subtropischen Klimabedingungen als Verwitterungsprodukte der hier abgelagerten Kalkgesteine. Die Reste der einst flächendeckend vorhandenen Bohnerzlehme lagerten sich nach Hebung und Verkarstung der Juraschichten in Dolinen, Felsspalten und Höhlen ab. Die früheren Erzsucher legten zum Abbau Schürfgruben an. Meistens grub man im Tagebau und die Erzgräber bargen den Lehm, aus dem die Erzwäscher an Quellen und Bächen dann das Bohnerz vom zähen Lehm befreiten. Arbeit gab es auch für die Fuhrleute, die mit Pferdegespannen das Erz zu den Hochöfen in Thiergarten oder Laucherthal beförderten. Holzhauer und Köhler lieferten die zur Verhüttung wichtige Holzkohle. Aus drei Tonnen Bohnerz und einer Tonne Holzkohle entstand eine Tonne Roheisen, eine wertvolle Einnahmequelle für die oft armen Albbewohner. Nachdem die ergiebigen Salmendinger Gruben noch im Jahr 1861 fast 1000 Tonnen Erz lieferten, konnten sie bald mit den koksbetriebenen Schmelzen im Ruhrgebiet nicht mehr mithalten. Einhergehend mit den Ferntransportmöglichkeiten des neuen Eisenbahnnetzes war die arbeitsintensive Bohnerzverhüttung auf Dauer nicht konkurrenzfähig. Der Bohnerzabbau war vorbei und die Gruben verödeten. Arndt Spieth

Länge: 7,3 Kilometer

Gehzeit: 2 Stunden

Höhenunterschied: 221 Meter

ÖPNV: Buslinie 152
(von Mössingen), Regionalbus 7635 (von Reutlingen),
Bushaltestelle „Melchingen
Unter den Linden“ und
„Melchingen Rathaus“

Pkw: Parken am Melchinger
Rathaus

GPS-Track: https://out.ac/x9ccZ

Sehr barock: die Salmendinger Kirche. Bilder: Arndt Spieth

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Erstellt:
23. Dezember 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Dezember 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2020, 01:00 Uhr

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