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Komplett kitschfrei

Im Rottenburger Diözesanmuseum ist bis Mitte März eine ungewöhnliche Ausstellung über „Engelwelten“

02.01.2019

Das himmlische Weltbild wird im Rottenburger Diözesanmuseum gerade ziemlich auf den Kopf gestellt: In Zusammenarbeit mit dem Bibel- und Orientmuseum im schweizerischen Fribourg haben Museumsleiterin Melanie Prange und ihr Team eine Ausstellung über „Engelwelten“ kuratiert, die deutlich macht, dass Engel weit mehr sind als liebliche Luftwesen, die irgendwo zwischen Himmel und Erde und vor allem auf Glückwunschkarten und Keksdosen unterwegs sind.

Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Engelbild bestimmt den Teil der Ausstellung, für den das Diözesanmuseum verantwortlich zeichnet. Fribourg lieferte die Konzeption der Gesamtausstellung und zeigt unbekannte und dennoch vertraute Engelwelten aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Dazu sind beeindruckende Exponate zu sehen wie zum Beispiel eine kleine Statue der ägyptischen Schutzgöttin Isis, deren weit ausgebreitete Flügelarme den Sohn des Horus umfangen. Isis ist sozusagen eine Kollegin des Erzengels Raphael, beide haben ungefähr den gleichen Aufgabenbereich.

Auch der Erzengel Michael, der die Seelen wiegt, hat einen ägyptischen Vorfahren: Dort ist es der Gott Anubis, der als Wegbegleiter der Toten deren Herzen in die Waagschale wirft. Und der griechische Götterbote Hermes mit seinen geflügelten Sandalen ist ein vorchristlicher Kollege von Gabriel, dem Engel der Verkündigung. Diese kulturellen Kontinuitäten in unseren Engelbildern sind vermutlich in der Entwicklung der monotheistischen aus den polytheistischen Religionen begründet – die Engelwelten im Christentum, im Judentum und im Islam weisen viele Parallelen auf.

„Die Engel, mit denen man tagtäglich bombardiert wird, haben nur wenig mit dem biblischen Engelbild zu tun“, stellt Melanie Prange fest. So sind Cherubime und Seraphine in der Bibel keine schönen jungen Männer mit langen Haaren und großen Flügeln, sondern – wenigstens für unsere Vorstellungswelten – regelrechte Monster. Seraphine sind geflügelte Schlangen. Sie dienen der ständigen Gottesverherrlichung. „Seraph ist hebräisch und bedeutet „brennend“ – die Seraphine brennen in ihrer Liebe zu Gott“, erklärt Prange. Cherubime sind Wächter, sie bewachen die Pforten des Paradieses. Es sind aus Mensch, Löwe, Stier und Adler – den zukünftigen Symbolen der Evangelisten – gebildete Mischwesen mit vier Flügeln. Schlangen galten auch im alten Ägypten als Schutzsymbol und die Sphinx ist ebenfalls ein Mischwesen aus Mensch und Löwe. „Es ist vermutlich eine menschliche Konstante, sich fantastische Wesen und Welten auszumalen“, meint Melanie Prange.

Die mit weißen, an Engelsgewänder erinnernden Vorhängen sehr ästhetisch gestaltete und klug gehängte Ausstellung zeigt nicht nur die interkulturellen Beziehungen der himmlischen Heerscharen, sondern auch die geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Einflüsse, die unser Engelbild prägen. So werden in der Renaissance aus den Amor- und Erosbildern der Antike pummelige Putti, die nur aus Po und Flügeln zu bestehen scheinen.

„Engel bleiben sorglos wie Kinder. Es sind Wesen, die vom Sündenfall nicht betroffen sind, sie sind unschuldig und können deshalb unbekleidet dargestellt werden“, erklärt die Leiterin des Diözesanmuseums. Aber schon seit der Aufklärung bestimme die Kirche nicht mehr, wie ein Engel auszusehen habe und mittlerweile könne jeder selber entscheiden, wie er sich einen Engel vorstellt.

Die Bilder in der Ausstellung zeigen dazu Engeldarstellungen aus dem Expressionismus und schließlich, fast ein bisschen am Rande, einen kleinen Scherenschnitt aus dem Poesiealbum. Melanie Prange muss das komplett kitschfreie Ausstellungskonzept fast ein bisschen verteidigen: „Ich werde ständig gefragt, ob ich an Engel glaube oder was ich mit Engeln verbinde. Noch nie wurden mir anlässlich einer Ausstellung so viele persönliche Fragen gestellt! Dabei wollten wir eine Ausstellung mit wissenschaftlichem Anspruch und gar nichts Emotionales machen. Aber die Suche der Menschen nach etwas, was über die sichtbare Welt hinaus geht und trotzdem nahbar und individuell ist, scheint riesig zu sein.“ Text und Bilder: Andrea Bachmann

Diözesanmuseum Rottenburg, Karmeliterstraße 9

Die Ausstellung „Engelwelten“ geht bis Sonntag, 17. März

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Freitag von 14 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr; Sonntag von 11 bis 17 Uhr

Am Sonntag, 13. Januar, 15 Uhr wird Dr. Mahmoud Abdallah vom Zentrum für Islamische Theologie der Uni Tübingen einen Vortrag über Engel im Islam halten: „Du hast einen Schutzengel“.

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Erstellt:
2. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Januar 2019, 01:00 Uhr

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