Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
In Tübingen trifft sich eine Gruppe zu Raufspielen
Diplom-Psychologin Merle Deutschmann. Bild: Philipp Schmidt
Ohne Tabus

In Tübingen trifft sich eine Gruppe zu Raufspielen

Merle Deutschmann ist Diplom-Psychologin, Coach, NLP-Master Practitioner und Kraftsporttrainerin. Und sie hat die sogenannten Raufspiele – „Playfights“ – nach Tübingen gebracht.

09.05.2018

Tübingen. Das Konzept der „Playfights“ hat Merle Deutschmann durch Reinhard Gaida in Wien kennengelernt. Die offene Gruppe, die sich hauptsächlich durch Mundpropaganda und den ‚Schöner Wohnen-Verteiler‘ zusammengefunden hat, trifft sich aktuell circa alle zwei Wochen in der Reutlinger Straße. Aber was sind eigentlich Raufspiele? Merle Deutschmann, die sich selbst als Kontaktforscherin bezeichnet, klärt die TAGBLATT-ANZEIGER-Leser auf.

Wie läuft so ein Treffen ab?

Zuerst findet sich die Gruppe zusammen. Die Aufregung steigt. Wenn ich das Gefühl habe, dass Neugier den Raum bestimmt, eröffne ich mit einer Anfangsrunde. Ich erläutere die Spielregeln. Jeder darf zu jedem Zeitpunkt ‚nein‘ sagen, ein Nein muss immer akzeptiert werden. Kämpfe sollen nicht im Stehen stattfinden, weil dadurch die Sturzgefahr steigen würde. Der Kreis schützt die beiden in der Mitte. Dann stellt sich jeder kurz vor, sagt in welcher Verfassung er gerade ist. Und – ganz wichtig – gibt sein Ja zu den Regeln und dem Abend. Dann geht es los. Wer sich dazu bereit fühlt, geht in die Mitte und fordert einen anderen heraus. Der Herausgeforderte kann annehmen oder ablehnen. Wenn er annimmt, kommt es zu einer Begegnung.

Eine Begegnung ohne Tabus?

Genau. Menschen treten in einen irgendwie gearteten Kontakt miteinander. Dadurch eröffnet sich ein breites Spielfeld von Möglichkeiten. Das kann gehen von ‚Wir halten eine Armlänge Abstand, lernen uns kennen‘ bis zu ‚Da liegt ein Flimmern in der Luft, ich glaube ich bin verliebt‘, also in Richtung Erotik, Begehren, Sex. Oder auch: ‚Etwas passt nicht zwischen uns‘, es herrscht eine Spannung, was zu Aggression, Kampf führt. Das sind natürlich Extrembeispiele und sie fallen auch deshalb so ins Auge, weil Gewalt und Sex in unserer Gesellschaft noch immer stark tabuisiert werden.

Das klingt wild.

Es ist so wild, wie das, was die Menschen mitbringen, in sich tragen und zeigen wollen. Es geht viel darum, sich seiner Ängste bewusst zu werden, ihnen Raum zu bieten und mutig zu sein. Ängste verwandeln sich, wenn man ihnen Raum gibt. Abgesehen von sexueller Anziehung und Aggression wird leichter und häufiger eine Kindlichkeit zum Thema, also eine offene, entdeckerische Neugier. Auch Ekel kann ein Thema sein. Es geht um die Möglichkeit, dass jeder ehrlich mit sich selbst genau das sein kann, was er oder sie vielleicht gar nicht von sich kennt – letztlich also darum, Erfahrungen zu sammeln, die einen ein Stück näher an das eigene Ich heranführen.

Hast Du mal die Kontrolle über das Geschehen verloren?

Ich übe überhaupt keine Kontrolle aus. Wenn es losgeht, bin ich ein Mitglied der Gruppe. Der Kreis sorgt im Zweifelsfall dafür, dass ein Nein durchgesetzt wird. Das war bislang aber nie nötig. Ich fühle mich verantwortlich für den Rahmen. Wenn der gestört wird, fühle ich mich provoziert. Zum Beispiel gab es schon den Fall, dass jemand zu spät kam und Steinchen gegen die Fenster geworfen hat.

Die Gruppe ist für jede und jeden offen, oder?

Ja. Alt – jung, Student – Arbeiter, das spielt keine Rolle. Jeder ist willkommen – sofern er bereit ist, sich ganz darauf einzulassen und in echten Kontakt zu treten.

Ist Tübingen eine gute Stadt für Raufspiele?

Es hat mir den Einstieg hier sehr erleichtert, dass es in Tübingen schon lange Strukturen von alternativen Begegnungsformen gibt.

Du gehst bald auf eine Reise …

Mit fast ausschließlich meiner Geige im Gepäck werde ich in einem Bus durchs Land ziehen. Meine eigenen Grenzen noch einmal neu kennenlernen, improvisieren, neue Bekanntschaften schließen, Begegnungen haben. Seit Mai bin ich selbständig. Die Raufspiele in Tübingen werde ich aber auf jeden Fall weiterführen. Neugierige sind immer willkommen.

Fragen von Philipp Schmidt

Kontaktmöglichkeit: Raufspiele-Community auf Facebook

Merle Deutschmann sucht nach einer neuen Räumlichkeit.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.05.2018, 01:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
Der Tagblatt-Anzeiger als E-Paper
Anzeige
GelesenNeueste Artikel

Aus der Luft und zu Fuß



Alle Folgen der Serie zu den Ortschaften im Landkreis Tübingen gibt es in unserem Themen-Dossier.

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular
Single des Tages
date-click