Freundliche Mobilität

Ingo Rohlfs wirbt für das Zufußgehen

30.12.2020

Dr. Ingo Rohlfs ist überzeugter Fußgänger. Bild: Gabriele Böhm

Ingo Rohlfs plädiert fürs Zufußgehen. Der 52-jährige Naturwissenschaftler, der in Reutlingen lebt und an der Universität Tübingen als Datenwissenschaftler arbeitet, engagiert sich ehrenamtlich beim Verein „Fuss“ dem „Fachverband Fußverkehr Deutschland“. Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit ihm.

Woher kommt Ihre Vorliebe fürs Gehen?

Als Naturwissenschaftler weiß ich, dass der Mensch dafür gemacht ist, jeden Tag zehn bis 15 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Er kann aber eins nicht, was jeder Affe kann: den ganzen Tag abhängen. Ein Mensch wird krank, wenn er nur am Schreibtisch und im Auto sitzt. Dank langer Schulwege hatte ich das Glück der Bewegung schon früh.

Welche gesundheitlichen Vorteile hat das Gehen?

Es ist günstig für die Blutfettwerte, das Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur. Zivilisationserkrankungen und das Risiko eines Schlaganfalls lassen sich durch Bewegung abmildern. Sogar Depressionen und ähnliches.

Viele gehen dafür in Fitness-Studios.

Ja, aber das endet doch oft darin, dass man zwar Mitglied wird, aber tausend Ausreden findet, warum man gerade heute nicht hingehen kann. Es funktioniert oft nicht. Deshalb ist es so wichtig, in seinen Alltag wenigstens 10 000 Schritte täglich einzubauen.

Da werden einige sagen, dass sie keine Zeit haben und sich schnellstmöglich von A nach B bewegen müssen.

Die Investition von täglich 100 Minuten in Alltagsbewegung ist fast immer extrem ertragreich. Aus einem Denkfehler heraus werden oft die Gründe gegen das Gehen in den Vordergrund gestellt. Hier von Verzicht zu reden, führt komplett in die Irre. Wer Auto fahren will, findet immer einen guten Grund dafür. Stattdessen muss die Frage lauten: Wo kann Gehen oder auch Radfahren für mich die passende Lösung sein?

Woher kommt diese „Faulheit“ beim Menschen?

Ganz tief im Körper ist unser Energiemanagement einprogrammiert. Es veranlasst uns, Körperenergie zu sparen und bequem zu sein. Doch heute fällt die früher zwingende Bewegung, beispielsweise bei der Arbeit, für viele weg.

Wie bezwingt man den „inneren Schweinehund“?

Die Selbstdisziplin der Einzelnen allein kann es nicht sein. Es darum, die Wege und den Lebensraum selbst zu verändern.

Wie könnte man das erreichen?

Die Gemeinden müssten ihr Prinzip umdrehen und die Mobilität zu Fuß angenehm und für das Kfz unbequem machen. Beispielsweise durch Carsharing oder Quartiersgaragen, die mindestens 400 Meter vom Haus entfernt sind. Denjenigen, die aus wichtigen Gründen das Kfz benutzen wollen, sollte man weiter die Möglichkeit lassen. Aber gegen Widerstand, damit nicht der „innere Schweinehund“ gewinnt.

Und für Fußgänger?

Wir brauchen wieder Wege, auf denen jeder gerne zu Fuß geht. Gute Luft, angenehmes Klima, und Schönheit. Allein in Reutlingen fehlen 20 000 Bäume, die vor der immer größer werdenden Sommerhitze schützen. Die Wege müssen direkt zu und entlang den Zielen führen.

Vielen ist aber ihr Auto sehr wichtig.

Völlig richtig ist, dass die einzelne Fahrt wenig Einfluss auf die Probleme hat. Aber schon das Auto des Nachbarn ist bekanntlich ein Riesenproblem. Und nur ganz wenige wollen, dass sich Deutschland in eine Dornbuschsteppe verwandelt. Dazu mögen bitte zum Beispiel die Chinesen dringend damit aufhören, obwohl in Baden-Württemberg historisch am längsten Auto gefahren wird. In Reutlingen waren Daimler und Maybach tätig. Wenig überzeugend also.

Auch der Satz: „Wir brauchen erst einen guten ÖV“ greift nicht. Wissenschaftlich untersucht wurden die tatsächlichen Vorlieben von 4 Millionen Autofahrern weltweit, die zu einer freundlicheren Mobilität fanden. Sie ersetzten Autofahrten zu 16 bis 21 Prozent durch den öffentlichen Personennahverkehr. Etwas beliebter ist das Fahrrad, aber mit 61 bis 65 Prozent steht die Bewegung zu Fuß unangefochten an der Spitze. Und zwar konstant auf allen Kontinenten.

Wie engagiert sich der „Fachverband Fußverkehr“?

Uns geht es darum, das meist unterschätzte Verkehrsmittel, die Füße, bekannter zu machen. Als Landessprecher kann ich von der meist guten Zusammenarbeit mit der Regierung berichten. Kommunal sieht es oft traurig aus.

Wie schätzen Sie die Situation in Reutlingen ein?

Man kann in Reutlingen sowohl zu Fuß gehen, als auch Fahrradfahren. Man braucht viel Ortskenntnis und oft ein dickes Fell. Außer dem aktuellen Desinteresse stehen auch fehlende fachliche Kompetenzen den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entgegen.

Interview: Gabriele Böhm

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Erstellt:
30. Dezember 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Dezember 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2020, 01:00 Uhr

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