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Jettenburg
Aus der Luft und zu Fuß (34)

Jettenburg

13.06.2018

Im Jahr 1867 äußerte sich der Verfasser der Oberamtsbeschreibung Tübingen ausgesprochen wohlgefällig über das Dorf auf den Härten: „Die meist ansehnlichen Bauernhäuser stehen unregelmäßig und zerstreut an den ziemlich ansteigenden und gekrümmten Straßen, von denen die hier durchführende Staatsstraße chaussirt und gekandelt ist. Vor vielen Häusern liegen Gärtchen und rings um den Ort gehen schöne Obstbaumwiesen. Der Lindenbach, auch Holbach genannt, fließt durch den unteren Theil des Dorfes und wird hier zu einer großen Wette geschwellt.“

Bäche brauchen Brücken und der Name des so hübschen Ortes, bei dem der Oberamtsbeschreiber nur die Kirche „außen und innen ziemlich unförmig“ findet, lässt sich angeblich auf eine Brücke oder einen Knüppeldamm, der noch 1558 erwähnt wird, zurückführen: 1100 wird der Ort als „Utinbrugge“ zum ersten Mal erwähnt und lange Zeit endete der Ortsname tatsächlich auf „-bruck“.

Bei der Kirche befindet sich auch der Rest der ehemaligen Burganlage, die die Edelfreien von Jettenburg dort erbauten und zwischen 1100 und 1209 bewohnten. Nachdem Mitte des 15. Jahrhunderts Jettenburg an Württemberg verkauft wurde, verfiel die Burg.

Für die 1111 Menschen, die heute hier leben, ist die Lage Jettenburgs genau in der Mitte zwischen Reutlingen und Tübingen vermutlich eine praktische Sache – die Nähe zu Reutlingen allerdings wurde 1664 einer Jettenburger Witwe zum Verhängnis. Der damalige Bürgermeister und Stadtrichter Johann Philipp Laubenberger zog in dieser Zeit in Reutlingen mehrere Hexenprozesse durch, von denen der Theologe Christoph Philipp Gayler 1845 in seinen „Denkwürdigkeiten“ über die ehemals freie Reichsstadt Reutlingen so berichtet, dass schnell klar wird, dass vor allem Angst vor Machtverlust und Skandal ihn dazu motivierten, eine ganze Reihe von Frauen erst ins Gefängnis und dann in den Tod zu schicken.

Agnes Nestlerin wurde am 7. Juni 1664 verhaftet. Nachdem ihr im „gütlichen Examen“ kein Geständnis zu entlocken war, wurde für den 15. Juni eine peinliche Befragung angeordnet, in der die Jettenburgerin alles erzählte, was die Richter von ihr hören wollten. Sie sei vor acht Jahren von einem Geist in Gestalt eines Soldaten namens Peter verführt worden, der sich ihr schließlich „zu erkennen gegeben habe“. Pikanterweise gab zur selben Zeit ein Reutlinger Ratsherr zu Protokoll, die Nestlerin hätte ihn des Ehebruchs beschuldigt und ihn angeklagt, bei ihrer Teufelstaufe gewesen zu sein. Er sei aber vollkommen unschuldig. Am 28. Juli wurde Agnes Nestlerin zunächst geköpft und dann verbrannt – weil sie ihr „Geständnis“ nicht widerrufen hatte, gestand man ihr ein gnädiges Urteil zu.

2013 gründeten einige Jettenburgerinnen eine Narrenzunft, die sie zu Ehren der Nestlerin „Agneshexen“ nennen. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

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13.06.2018, 01:00 Uhr
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