Konzert als Liebesakt

Konstantin Wecker kommt mit einer Musiklesung

Einen Tag nach der Verleihung des „Löwenherz“-Friedenspreises der Nichtregierungsorganisation Human Projects an „Fridays For Future“ in Nagold, bei der Konstantin Wecker (73) die Laudatio hält, gibt der bayrische Liedermacher am Montag, 22. Juni (20 Uhr), eine musikalische Lesung in der Stiftskirche Tübingen.

17.06.2020

Am Freitag, 19. Juni, werden von 18 bis 19 Uhr vor der Tübinger Stiftskirche Eintrittskarten für die musikalische Lesung von Konstantin Wecker verkauft. Bild: Jürgen Spieß

TAGBLATT ANZEIGER: Sie lesen in Tübingen vor allem aus ihrer 2017 erschienen Biografie, die häufig als ungewöhnlich beschrieben wird. Was ist das Ungewöhnliche daran?

Konstantin Wecker: Dass ich in diesem Fall nicht alleine an dieser Autobiographie geschrieben habe, sondern auch zwei Weggefährten ihre Sicht auf mein Leben beschreiben: Mein Jugendfreund, der Autor Günter Bauch, den ich bereits aus der Gymnasialzeit kenne und der mich mein Leben lang begleitet hat und der Redakteur meines Web-Magazins ‚Hinter den Schlagzeilen‘, Roland Rottenfusser. Bei meiner musikalischen Lesung in Tübingen werde ich aber ausschließlich aus den Passagen lesen, die ich selber geschrieben habe.

Gibt es Zeiten in ihrer Biografie, an die Sie mit Wehmut zurückdenken, die Sie aber trotzdem besonders geprägt haben?

Ja, natürlich. Ich hätte vor einigen Jahren auf Anraten meines Verlegers schon einmal eine Biographie schreiben sollen. Allerdings fühlte ich mich damals mit 60 noch zu jung, deshalb schlug ich meinem Verleger vor, ausschließlich über meine Niederlagen zu berichten. Dabei entstand das Buch ‚Die Kunst des Scheiterns‘. Das war unglaublich spannend für mich, denn da merkt mal erst einmal, aus wieviel Niederlagen sich so ein 60-jähriges Leben zusammensetzt. Im Endeffekt kam ich zu dem Ergebnis, man muss sich so mit seinem Leben auseinandersetzen, dass man sich selbst dafür in Verantwortung nimmt. Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in die man völlig unverschuldet hineingerät, aber in vielen, ja in den meisten Fällen sind wir doch für unsere Niederlagen selbst verantwortlich. Lernen können wir nur daraus, wenn wir diese Verantwortung auch annehmen.

Stimmt es, dass Sie als Kind Opernkomponist werden wollten?

Ja, das war ganz klar, denn mein Papa war Opernsänger mit einer wunderschönen Tenorstimme. Ich habe dann mit fünf Jahren Klavier spielen gelernt, aber nicht, weil mich meine Eltern dazu gezwungen hätten, sondern weil ich es selber wollte. Mit meinem Vater habe ich bis zum Stimmbruch die schönsten Liebesduette der italienischen Oper gesungen, von Verdi und Puccini bis zu La Traviata und sogar an Puccinis Turandot habe ich mich gewagt, um die Damenpartien zu singen. Ich bin groß geworden mit dieser Musik und mit alten Schellackplatten von Enrico Caruso und Renata Tebaldi.

Zurück in die Gegenwart: Wie erging es Ihnen persönlich dabei, während der Coronakrise auf Konzerte und Auftritte zu verzichten?

Das war eine lehrreiche Erfahrung, weil ich gemerkt habe, wie man oft Dinge für selbstverständlich nimmt, die gar nicht selbstverständlich sind. Seit fünf Jahrzehnten stehe ich nun auf der Bühne und habe kein einziges Jahr ausgelassen. Ich war immer in der glücklichen Situation, auf ein Publikum zu treffen, das ähnlich denkt und fühlt wie ich und die gleiche Sehnsucht mit mir teilt. Dieter Hildebrandt sagte einmal, ein Konzert von Konstantin Wecker ist wie ein Liebesakt und ich empfinde das eigentlich genauso, als eine große Umarmung. Als ich jetzt spürte, dass das auf einmal nicht mehr da ist, fiel mir erstmal auf, was für ein Glück ich in all den letzten Jahrzehnten hatte.

Und wie fanden Sie die weitgehenden Einschränkungen - auch der Grundrechte - während des Lockdowns? Waren sie gerechtfertigt?

Ich habe diese Einschränkungen nicht wegen Söder, Kurz oder Macron gemacht, ich habe mich selbst beschränkt, weil ich andere Menschen nicht gefährden wollte. Ich möchte damit andeuten, dass es natürlich gefährlich ist, wenn sich so machtgeile Politiker wie die drei Genannten bestätigt fühlen in ihren Maßnahmen und ihrer Macht. Andererseits ist es sinnlos, dieses Virus zu ignorieren. Es ist eine Pandemie und wir müssen lernen, damit umzugehen und wenn Grundrechte beschnitten wurden, dann müssen wir aufpassen, sie nach Ende der Pandemie wieder in Kraft zu setzen. Ich bin aber kein Verschwörungstheoretiker und war sehr skeptisch bei diesen Corona-Demos, weil ich in der linken Szene ziemlich gut vernetzt bin und weiß, dass sehr viele dieser Demonstrationen von der AfD und den Identitären angemeldet wurden, um sich Gehör zu verschaffen.

Werden Sie bei Ihrem Auftritt in Tübingen nur aus Ihrer Biografie lesen oder auch ein paar Lieder singen?

Ich werde aus meinem Buch ‚Die Kunst des Scheiterns‘, aus der aktuellen Biografie und aus meinem letzten Gedichtband lesen und ich werde – das mache ich immer und sehr gerne – auch A-cappella und ohne Begleitung singen.

Das Gespräch führte Jürgen Spieß

Für das Konzert mit Konstantin Wecker und die Verleihung des Friedenspreises am Sonntag, 21. Juni, um 19 Uhr in der Alten Seminarturnhalle in Nagold (Lange Straße 5) verlosen wir jeweils zwei Freikarten. Anruf unserer Gewinnhotline 0137- 8 22 27 87 bis zum 19. Juni (14 Uhr). Anrufer, die nicht gewinnen, bekommen auf die Karten einen Rabatt in Höhe von 20 Prozent.

www.humanprojects.de

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Erstellt:
17. Juni 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2020, 01:00 Uhr

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