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Lustnau
Aus der Luft und zu Fuß (40)

Lustnau

01.08.2018
  • Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

„Auf der Burg“ lebten die Herren von Lustnau, Eigentümer des Dorfes in der Nähe von Tübingen und Dienstleute der Pfalzgrafen von Tübingen. Bis ins Jahr 1466 machten sie von sich reden, nicht zuletzt, weil sie nach und nach fast den ganzen Ort dem Kloster Bebenhausen vermachten. Dabei handelte es sich vermutlich schon seit 1200 um ein weitgehend geschlossenes Dorf mit einem burgähnlichen Herrenhaus und einstöckigen Fachwerkhäusern. Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts bauten die Zisterzienser in Lustnau einen Klosterhof, den der Klostervogt nach der Reformation auch als Dienstsitz bewohnte. Heute wird der Hof von der Drogenhilfe Tübingen genutzt.

Aber unter der Evangelischen Kirche hat man römische und alemannische Baureste und Keramikscherben aus der Römerzeit gefunden, was bedeutet, dass schon lange vor den Herren von Lustnau Menschen zwischen Ammer, Neckar und Goldersbach zu Hause waren.

1120 wurde zum ersten Mal von einer Kirche und Pfarrei St. Martin gesprochen, 1276 verschenkte Pfalzgraf Wilhelm von Tübingen die Kirche an das Kloster Bebenhausen. Die kunstsinnigen und wohlhabenden Mönche bauten mehrmals neu und um und machten aus der „anmutig auf einem vorgeschobenen, sich ins Dorf herabziehenden Sporn des Herrlesberg“ liegenden Kirche ein spätgotisches Schmuckstück. Nur der Chor soll wie ein Stall ausgesehen haben, was bei einer Neugestaltung Ende des 19. Jahrhunderts geändert wurde.

Herrlesberg, Österberg und die Neuhalde waren im Mittelalter nahezu komplett mit Wein bepflanzt, der die Haupteinnahmequelle der Lustnauer Bevölkerung bildete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tranken vor allem die Studenten in Tübingen lieber Bier und die Lustnauer stiegen auf Hopfenanbau um. Noch lukrativer war jedoch die Industrialisierung, der die Lustnauer weit weniger feindlich gegenüber standen als das akademische Tübinger Bürgertum, das nichts in der Stadt haben wollte, was mit Geräuschen, Gerüchen und Dreck das Universitätsidyll hätte stören können.

So gründete Max Emil Jope an der Nürtinger Straße eine Frottierweberei und verkaufte sie 1920 an Konrad Hornschuch und Hermann Schweitzer, die daraus die „Württembergische Frottierweberei“ – die „Egeria“ – machten. Sie sollte Tübingens größter industrieller Arbeitgeber werden und zu ihren besten Zeiten 1500 Arbeitnehmer/innen beschäftigen. Darunter waren auch eine ganze Reihe italienischer Gastarbeiter, weswegen in Lustnau wie in keinem anderen Tübinger Teilort italienisches Flair zu spüren ist. Wer nicht in der Egeria Bademäntel und Handtücher produzierte, die sogar auf den Luxusschiffen nach Amerika eingesetzt wurden, fabrizierte in der Metallwarenfabrik Beka Pfannen und Kochtöpfe.

Aber zunächst verlor Lustnau seine dörfliche Eigenständigkeit. 1934 wurde es, nicht gerade zur Freude der Bevölkerung, von den Nationalsozialisten nach Tübingen zwangseingemeindet. Tübingen „heirate eine reiche Braut“ witzelte der Lustnauer Bürgermeister Hans Rath anlässlich der Eingemeindung des finanziell gut situierten Lustnaus.

Die Frottierwarenfabrik erlitt in den 1980er-Jahren dasselbe Schicksal wie unzählige andere Textilbetriebe in Württemberg, die gegen die Billigkonkurrenz aus Asien und Osteuropa nicht mehr anweben und anspinnen konnten. Die Egeria musste Insolvenz anmelden und seit 2009 baute man auf dem 6 Hektar großen ehemaligen Industrieareal ein schönes neues Stadtquartier, die „Alte Weberei“. Deren Zentrum ist der Egeriaplatz mit dem ehemaligen Firmenhauptgebäude, um das sich schicke Stadtvillen, Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser gruppieren. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

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01.08.2018, 01:00 Uhr
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