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Bebenhausen
Aus der Luft und zu Fuß (9)

Bebenhausen

13.12.2017
  • Andrea Bachmann / Bild: Erich Sommer

„Wer da hustet und keucht, bei wem kein anderes Mittel mehr weiter verfängt, auch kein homöopathisches mehr, walle nach Bebons Tal und esse westfälischen Schinken, den ihm die gastliche Hand segne: er isst sich gesund.“

Im Spätsommer des 1863 erholt sich der Dichter Eduard Mörike in Bebenhausen von einer Lungenentzündung. Einen besseren Ort hätte er kaum finden können. Er schlendert durch die halb verfallenen Klosteranlagen, unternimmt lange Spaziergänge im Schönbuch und lässt sich zu einem elegisch-impressionistischen Gedichtzyklus inspirieren. Als ehemaliger evangelischer Pfarrer wird es sich den Mönchen, die diesen Zauberort aufgebaut haben, zumindest ein bisschen wesensverwandt gefühlt haben.

1190 kam der Zisterzienser-abt Diepold mit zwölf Brüdern aus dem Kloster Schönau nach Bebenhausen. Die Pfalzgrafen von Tübingen hatten ihm einen aufgegebenen Herrensitz angewiesen, um dort ein Kloster zu gründen. Die Mönche nahmen ihre Ordensregel ernst: Betend und arbeitend machten sie aus dem Anwesen im Laufe der Jahrhunderte einen kleinen „Klosterstaat“, der Ende des 13. Jahrhunderts 80 Mönche und 120 Laienbrüder beherbergte, die sich um Felder und Fischteiche, Glas- und Ziegelhütten, Molkereien und Mühlen kümmerten und die Klosteranlage zu einer der schönsten in ganz Europa ausbauten.

Als Abt Peter von Gomaringen seinen Laienbruder Georg von Salem 1407 mit dem Bau des prachtvollen Vierungsturms beauftragte, setzte er sich großzügig über die Ordensregel hinweg, die den Zisterziensern zum Schutz ihrer Kirchenglocken nur bescheidene Dachreiter aus Holz gestattete und machte den Turm kurzerhand seiner Schutzpatronin Maria zum Geschenk. Das konnte sie schließlich schlecht ablehnen. 70 Steinmetze arbeiteten 27 Monate an dem steinernen Wunderwerk, dass immerhin so zierlich und filigran gearbeitet ist, dass man meinen könnte, es sei aus Holz geschnitzt.

Nach der Reformation wurde das Kloster eine Klosterschule, bis 1806 König Friedrich I. auf die Idee kam, in Bebenhausen ein Schloss für gigantische Jagdpartys zu bauen. Seine Nachfolger Wilhelm und Karl hatten keine Lust auf Treibjagd und Halali und nutzten den Ort als verschwiegene Ferienresidenz. Ganz verliebt in all die Mittelalterromantik des alten Klosters unternehmen König Karl und Gemahlin Olga in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfangreiche Renovierungsarbeiten und retteten das Kloster so vor dem Verfall – auch wenn ihre Vorstellungen von einem Zisterzienserkloster etwa so realistisch waren wie die Karl Mays vom Wilden Westen. Die Sanierung und die anschließende Nutzung als Sommerdomizil verschaffte den Bewohnern von Bebenhausen, das seit 1823 eine eigenständige Gemeinde war, Lohn und Brot.

Von 1918 bis 1948 bescherte die unkonventionelle und jagdbegeisterte Königin Charlotte den Bebenhäusern auch weiterhin das Gefühl, „zu sich selber Sie sagen zu können“ und von 1946 bis 1952 war der kleine Ort mitten im Schönbuch sogar Sitz des Landtags von Württemberg-Hohenzollern. Man baut ein paar neue Häuser und wird – mehr nolens als volens – nach Tübingen eingemeindet.

Im Jahr 1975 wird der gesamte Ort samt Grünflächen die erste denkmalgeschützte Gesamtanlage Baden-Württembergs. Seitdem darf kein neues Haus mehr gebaut werden. Bebenhausen wird zur Perle des Schönbuchs. Wunderschön, idyllisch und verwunschen. Man braucht hier nichts als Schönheit zum Leben – das letzte Lebensmittelgeschäft schließt 1995. Einen westfälischen Schinken müsste Mörike jetzt woanders kaufen. Ansonsten – hat sich nicht so sehr viel verändert. Andrea Bachmann / Bild: Erich Sommer

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13.12.2017, 01:00 Uhr
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