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Dettingen
Bilder: Erich Sommer
Aus der Luft und zu Fuß (20)

Dettingen

Insgesamt kann die Landkarte Süddeutschlands mit neun Dettingens aufwarten, acht davon liegen in Baden-Württemberg und eins in Bayern.

07.03.2018
  • Andrea Bachmann

Auch Aischbäche sind mehrfach vertreten. Beide Namen sind alemannisch. Aischbach bedeutet wohl soviel wie „Der Bach, der an der Dorfweide vorbeifließt“ und der Ortsname lässt sich entweder auf das Wort „Tato“ zurückführen, was soviel wie „Gerichtsstätte“ bedeutet oder auf einen Clanchef namens Deto oder so ähnlich. Und da Dorfweiden, Gerichtsplätze und Männer namens Deto oder so ähnlich in der alemannischen Zeit vermutlich keine Rarissima gewesen sind, finden sich mehrere Dettingen und mehrere Aischbäche. Im Kreis Tübingen fließt allerdings nur ein Aischbach durch ein Dettingen, und zwar durch das in der Nähe von Rottenburg.

Als 1275 die Witwe Gertrud von Ow alle jährlichen Einkünfte aus ihren Gütern aus Dettingen dem Kloster Bebenhausen vermacht, wird der Name zum ersten Mal erwähnt. Aber der Ort ist viel älter: 1995 wurde die Einfassungsmauer einer römischen Siedlung entdeckt. Vermutlich handelte sich um eine Villa Rustica, die um 150 n. Chr. auf dieser Sonnenseite des Rammerts im Aischbachtal entstanden ist.

Die den Ort weithin überragende Kirche St. Dionysius hat beeindruckende Ausmaße. Sie wurde 1912 vom Cannstatter Kirchenbaumeister Joseph Cades gebaut, der den Dettinger Bürgern, die sich ein bescheideneres, volkstümlicheres Gotteshaus gewünscht hätten, beschieden haben soll: “Wenn die Herren Volkstümliches brauchen, dann sollen sie ins Theater gehen.“ An der Stelle des „Dionysius-Doms“ stand eine gotische Kirche, die schon 1828 dem Pfarrer von Dettingen viel zu klein war. Die wurde am 8. Mai 1911 abgerissen, nur der Turm durfte stehen bleiben. Dabei war die Bauherrschaft – Pfarrer und Kirchengemeinde – nicht zimperlich: Das wertvolle Netzgewölbe des Chors, das der Architekt gerne in seinen Kirchenbau integriert hätte, wurde für 1500 Mark an einen Altertumshändler verkauft und ist seitdem unauffindbar. Auch von dem gotischen Wandtabernakel mit Fiale und Kreuzblume, den Deckenmalereien, den Schlusssteinen, dem Hochaltar, den Skulpturen blieb nichts übrig – man wollte eine neue Kirche und man meinte es ernst: Spenden, Stiftungen, Hauskollekten, ein Kirchenbauverein und eine Staatslotterie lieferten das nötige Kleingeld.

Die gotische Kirche war nicht die älteste Kirche in Dettingen. Man hatte sie an Stelle eines 1355 abgebrannten steinernen Vorgängerbaus errichtet. Nach dem Abriss der gotischen Kirche fand man etwa einen Meter unter dem Plattenboden drei gemauerte Grüfte mit den Überresten von Bestattungen. Man holte einen Arzt aus Rottenburg, der die sterblichen Überreste und die Grabbeigaben barg und herausfand, dass es sich um alemannische Merowingergräber vom Ende des 7. Jahrhunderts handelte. In einem Grab fand man die Skelette einer Frau und eines Kindes nebst einer silbernen Haarnadel, einem kleinen Klappmesser und kleinen, verrosteten Eisenteilen. Ein zweites Grab war noch unzerstört und barg einen Mann, dem man Sporen, Messer und Gürtelschnallen mit auf seine letzte Reise gegeben hatte. Die dritte Gruft war komplett aus römischen Spolien zusammen gesetzt, in ihr ruhten die sterblichen Reste zweier Kinder. Hier fanden sich ein goldener Ring mit einer römischen Steinschnitzarbeit aus Karneol, ein Kamm und ein Messer.

Das war natürlich eine Sensation, die die Archäologen noch auf Jahrzehnte hinaus beschäftigte, auch wenn bereits 10 Wochen nach dem Abriss der Grundstein für den Neubau gelegt wurde. Immerhin waren die Dettinger zu Beginn des 20. Jahrhunderts so arm, dass das Dorf den Spitznamen „Bethlehem“ erhielt und die Anlage des neuen Kirchplatzes möglichst kostenneutral „durch Frondienste seitens der Gemeinde“ (heute würde man euphemistisch „Eigenleistung“ dazu sagen) erfolgen musste.

Da muss es gut getan haben, zu wissen, dass zu Merowingerzeiten eine Familie in Dettingen gelebt haben muss, die so wohlhabend war, dass sie ihre Toten in einer aus Stein gebauten Eigenkirche bestatten und ihren toten Kindern als Zeichen ihrer vornehmen Herkunft kostbare Goldringe an die Finger stecken konnte.

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07.03.2018, 01:00 Uhr
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